Prof. Juan Carlos Sancha, Rioja:
Zurück auf Ursprung
Ein Auto namens Hummer? Kenne ich eigentlich nur von der Königsallee, von der Düsseldorfer BlingBling-Society. Aber der Professor meint „der Trecker kippt um“ – also dann lieber rein in den Hummer und rauf auf die Weinberge. Für die Rioja sind die hier nämlich ungewöhnlich steil.
Das ist typisch für den Professor: es geht nicht in den Weinkeller, sondern ab in die Weinberge. „Ich bin ja kein Schreiner“ – augenzwinkernd erklärt er, dass ihm die Rebe wichtiger ist als das Fass. Okay, der Mann hat Humor. Das dürfte Spaß machen, bei ihm im Seminar zu sitzen, in der Universidad La Rioja, wo er seinen Lehrstuhl hält.
Gegen den Strom
Die Bodegas Sancha befindet sich knapp 50 km von Logroño entfernt, im verschlafenen Örtchen Baños de Río Tobía, im abgelegenen Westen der Rioja. Das Najerilla-Tal zieht sich hier in unwirtliche Höhen, die Weinberge liegen bei 400 bis 650 Metern. Hier, in der Gegend seiner Kindheit, beginnt Juan Carlos in den späten 90ern den alten Weinberg seines Urgroßvaters zu rekultivieren. Und er kauft noch weitere Parzellen dazu, die ihm besonders interessant erscheinen.
Der Ingenieur für Weinbau, Doktor und Professor der Önologie, Berater von Weingütern in der ganzen Welt hat zu diesem Zeitpunkt ein wenig die Nase voll vom Rioja-Mainstream. Zu viel Tempranillo, zu viel Chemie, zu viel Barrique – und immer geht’s um maximalen Ertrag. Für sein eigenes Projekt sucht er etwas Neues. Oder doch eher etwas Altes? Juan Carlos wählt eine zweigleisige Strategie.
„Ad libitum“: Die vergessenen Rebsorten
Gemeinsam mit Kollegen von der Universidad La Rioja päppelt Juan Carlos alte, fast vergessene Rebsorten auf und testet ihre Verträglichkeit mit Klima und Boden. Für das eigene Weingut machen Maturana tinta und Maturana blanca das Rennen – Rebsorten, die schon im 16. Jahrhundert in der Rioja wuchsen. Und auch die Tempranillo blanco schlägt sich ganz hervorragend – eine neue, natürlich entstandene Mutation, ein Zufallsfund aus benachbarten Weinbergen.
„Peña el Gato“: Die vergessenen Rebstöcke
Und dann ist da noch die Sache mit den alten, vergessenen Rebstöcken. Über Jahrzehnte nicht mehr bewirtschaftet, liegen sie brach, verwildert, überwuchert, kaum noch sichtbar. Aber was für ein Potential! Da ist „Cerro La Isa“ – ein kleiner Weinberg vom Ur-Opa in 650m Höhe, gepflanzt 1910 mit gemischten Rebsorten. Und „Peña el Gato“ (Katzenfelsen): ein paar Hektar mit wunderbaren Garnacha-Reben von 1917!
Keine Frage der Chemie
Und diese alten Reben wissen sich zu wehren. Der Boden ist karg, die Nährstoffe rah – das war schon immer so. Trockenzeiten sitzen sie aus. Schädlingen trotzen sie aus eigener Kraft. Auf Kunstdünger, Insektizide, Fungizide kann Juan Carlos komplett erzichten: „Diese Pflanzen sind ungleich resilenter – die Genetik ist einfach besser als bei den modernen Züchtungen, die alle auf Ertrag optimiert sind.“ Und auch im Weinkeller arbeitet Juan Carlos maximal naturnah: Spontanvergährung in altem Holz, zurückhaltender Ausbau in Holz, Ton oder Granit, bis auf ein Minimum an Sulfat keine weiteren Zusätze.
So macht Juan Carlos also echten Natur-Wein (natürlich auch bio-zertifiziert). Das bedeutet natürlich auch: Viel mehr Handarbeit. Und deutlich weniger Ertrag. Dafür bringt er Terroir pur ins Glas. Seine Rotweine sind ungemein saftig, frisch und klar. Die Weißen zeigen hohe Komplexität und Würze. Mit seinen zehn Weinen hat sich der Professor eine absolute Alleinstellung in der Rioja erarbeitet.
Bodegas Sancha: Das einzige Weingut in der Rioja ohne Tempranillo
Bis in die 50er Jahre war Garnacha die vorherrschende Rebsorte der Rioja. Heute, im Jahr 2026, macht der rote Tempranillo 85% (!) aller Rebstöcke der Rioja aus. Der wesentliche Grund für diesen Siegeszug liegt im hohen Ertrag – bei zugegebenermaßen hoher Qualität. Doch es gibt Probleme: Die modernen Züchtungen werden nicht alt. Oft wird schon nach 30 Jahren gerodet. Sie brauchen viel Wasser, für den Klimawandel sind sie nicht gemacht. Und nicht zuletzt sinkt die Nachfrage nach Rotwein weltweit – Weiße und Rosés werden immer stärker nachgefragt. Die Reben des Professors können eine Antwort auf diese Probleme sein.
Die Ironie der Geschichte
In der Rioja kennt jeder den Professor – immerhin hat er einen Großteil der derzeitigen Weinmacher dort ausgebildet. Mit seiner Bodega schwimmt er nun allerdings schon seit drei Jahrzehnten komplett gegen den Strom.
Bodegas Sancha • Finca Fuentelacazuela, Camino de las Barreras, s/n, 26320 Baños de Río Tobía
www.juancarlossancha.com
Reisende: Gudrun Heinen & Guido Zech | Autor: Guido Zech

